Nur zwischen dem Kap Horn an der Südspitze Südafrikas und dem Südpol können sich Wellen rund um den Planeten aufbauen. Und genau zwischen diesen Landmassen liegt der Drake-Strasse. Sir Francis Drake hat dieser Meeresregion den Namen gegeben. Er war es auch, der England zur Stellung als erste Seemacht verholfen hat – mit wenig Mitteln, als Priat im Auftrag der englischen Krone, jedoch strategisch äusserst geschickt und riskant unterwegs. Ein Segler, der die Weltgeschichte für vier Jahrhunderte prägte.
Von Roland Grieder
Im zusammenhängenden Ozeangürtel zwischen dem Kap Horn und dem Südpol können sich Wind und Wellen ungehindert rund um den Planeten aufbauen. Das ist weltweit einzigartig. Ohne Landmassen, welche die Westwinde bremsen, gewinnen Wellen pro Erdumrundung an Energie. Auch das Wellensystem des Atlantiks wird massgeblich von diesem Gürtel gespiesen. An keiner Stelle ist dieser Gürtel schmaler als zwischen dem Kap Horn an der Spitze Südamerikas und der Antarktis. In der dazwischen liegenden Drake-Strasse verdichten sich Wind, Strömung und Seegang zu einer maritimen Zone höchster Dynamik: Kälte, Nebel, Stürme, chaotische Kreuzseen und abrupte Wetterwechsel prägen diesen Raum. Dass diese gefährliche Meerenge den Namen Francis Drakes trägt, verweist auf eine Zeit, in der neue Erkenntnisse über den globalen Ozean unmittelbare politische und militärische Bedeutung hatten.
Ein erster Raubzug als Lehrstück
Drakes erste gezielte Konfrontation mit der damaligen Grossseemacht Spaniern erfolgte bereits Anfang der 1560er-Jahre, lange bevor er zum Nationalhelden aufstieg. Als junger Kapitän segelte er mit seinem Vetter John Hawkins in die Karibik. Dort beteiligte sich Drake an einem riskanten Dreieckshandel, der die spanischen Kolonialgesetze bewusst missachtete. In Häfen wie San Juan de Ulúa beschlagnahmten die Spanier englische Schiffe, beraubten ihre Besatzungen und eröffneten schliesslich das Feuer. Drake entkam auf einem kleinen Schiff nur knapp. Diese Erfahrung prägte ihn nachhaltig. Er erkannte, dass auch spanische Schiffe nicht nur Träger von Reichtum sind, sondern verwundbare Knotenpunkte eines überdehnten Imperiums.
In den folgenden Jahren begann Drake gezielt, spanische Schiffe zu kapern, ihre Ladung zu übernehmen und die erbeuteten Schiffe selbst weiterzuverwenden. Verbürgt ist, dass er sogar – an Dreistigkeit kaum zu überbieten – direkt aus spanischen Häfen bereits beladene Schiffe gestohlen hat (der Film ‚Pirates of the Caribbean‘ ist wohl davon inspiriert). Um zu entkommen, liess Drake unbemerkt Kanonen, weiteren Balast und zur Not auch einen Teil der Ladung über Bord werfen. In Heimathäfen verwandelte er dann die spanische Logistik direkt in englische Schlagkraft – ein Muster, das seine späteren Raubzüge systematisch bestimmen sollten.
Ein Auftrag aus machtpolitischer Notwendigkeit
Francis Drake war weder Entdecker im modernen Sinn noch ein Freibeuter, seine Fahrten waren strategisch motiviert. Im 16. Jahrhundert finanzierte Spanien seine Vormachtstellung durch Gold- und Silber aus Zentral- und Südamerika. In halbjährlichen Zyklen wurden die Edelmetalle in der Karibik gesammelt und in bewaffneten Flotten nach Europa gebracht. Diese Transporte ermöglichten den Unterhalt einer grossen Armee und einer dominanten Flotte. England hingegen war zu der Zeit wirtschaftlich schwach und militärisch unterlegen. Königin Elisabeth I. suchte nach einer Möglichkeit, dieses Ungleichgewicht der Macht zu unterlaufen, ohne einen offenen Krieg zu riskieren. Drake erhielt den Auftrag, Spaniens Finanzströme zu stören – als piratischer Flottenkommandant und Unternehmer, mit politischer Unterstützung, aber unter Geheimhaltung und ohne formelle Verantwortung der Krone.
Der Weg nach Süden und die Erkenntnis der offenen Passage
Um die spanischen Besitzungen anzugreifen, plante Drake, von der Pazifikküste auszugehen. Dort erwartete Spanien keine Gefahr, so dass die Häfen kaum mit Schutzbauten gesichert waren. Um in den Pazifik zu gelangen, wollte Drake die Magellan-Strasse nutzen, benannt nach dem Leiter der ersten Weltumsegelung. Die Magellan-Strasse ist der nördliche Durchgang durch die Inselwelt Südargentiniens, Feuerlands, die im Süden mit dem Kap Horn endet. Gewaltige Stürme trieben Drakes Schiffe jedoch weit, weit nach Süden, hinaus aus allen bekannten Karten. Dort, wo man ein geschlossenes Landmassiv vermutete, fand Drake offenes Meer – heute als ‚Drake Strasse‘ bezeichnet. Er erkannte als Erster, dass das Insel-reiche Feuerland nicht Teil des angenommenen Südkontinents war, sondern dass südlich davon ein freier Durchgang zwischen Atlantik und Pazifik existierte. Diese Erfahrung war von strategischer Tragweite: Sie belegte die Existenz einer offenen Südpassage und widerlegte wesentliche geografische Annahmen der Zeit. Die spätere Benennung der Drake-Strasse geht auf diese Fahrt zurück.
Raubzug im Pazifik und Zusammenarbeit mit Einheimischen
Entlang der südamerikanischen Westküste nutzte Drake gezielt lokale Kenntnisse: Indigene Gruppen, die unter spanischer Zwangsherrschaft litten, versorgten ihn mit Informationen über Transportwege, Lagerorte und Verteidigungsstrukturen. Innerhalb kurzer Zeit erbeutete Drake enorme Mengen an Silber und Gold. Diese Verluste trafen Spanien empfindlich. Soldzahlungen verzögerten sich, Kredite verteuerten sich, und die finanzielle Basis der spanischen Seemacht geriet unter Druck.
Drakes Optimierung der Schiffsartillerie
Drake erfand die Breitseite zwar nicht, doch er optimierte ihren Einsatz für einen neuen Zweck. Seitlich angeordnete Kanonen waren bereits bekannt, dienten aber meist dazu, den Gegner für ein Entermanöver vorzubereiten. Drake verlagerte den Schwerpunkt des Seekriegs vom Nahkampf zum Artilleriegefecht auf Distanz. Englische Schiffe waren kleiner sowie niedriger gebaut und damit wendiger. Die Breitseite wurde nicht mehr als einmalige Salve verstanden, sondern als wiederholt einsetzbares Mittel zur funktionalen Ausschaltung gegnerischer Schiffe; Ziel des Feuers waren Ruder, Takelage und Rumpf, nicht wie einst üblich die unmittelbare Vernichtung der Besatzung. Häufig kämpften zwei englische Schiffe koordiniert gegen ein spanisches: Aus leicht versetzten Winkeln wurde es beschossen, worauf sich die englischen Schiffe gleich wieder zurückzogen, um nicht in Enterdistanz zu geraten. Diese Methode erlaubte es, gut bewehrte, aber unbewegliche Galeonen zu neutralisieren, ohne sie zu entern.
Die Armada und der Zerfall der spanischen Seemacht
Als Philipp II. von Spanien 1588 mit seiner stark ausgebauten Kriegsflotte ‚Armada‘ den Versuch unternahm, England militärisch zu unterwerfen, trafen zwei grundverschiedene Seekriegskonzepte aufeinander: Die spanische Flotte war auf den Nahkampf ausgelegt, die von Drake neu konzipierte englische auf Bewegung, Distanz und Artillerie. Die Armada wurde nicht in einer einzigen Schlacht vernichtet, sondern über Tage hinweg beschädigt, auseinandergezogen und schliesslich durch Stürme und Versorgungsprobleme weiter dezimiert. Mit ihrem Scheitern verlor Spanien den Anspruch auf die uneingeschränkte Seeherrschaft.
Die Weltumsegelung als strategische Demonstration
Zwischen 1577 und 1580 umrundete Drake die Erde. Diese Reise war keine romantische Entdeckungsfahrt, sondern eine globale Machtdemonstration. Sie verband Navigation, Kartierung, militärische Schläge und wirtschaftliche Ausbeute. Drake kehrte als wohlhabender Mann zurück und hatte bewiesen, dass globale Seefahrt strategisch plan- und kontrollierbar war.
Ritterwürde und bleibende Ambivalenz
Nach langem Drängen Drakes sowie Hin und Her mit Königin Elisabeth I. – heute ‚die Grosse‘ genannt, wobei Drake den Job für sie erledigt hat – schlug sie 1581 ihn an Bord seines Schiffes zum Ritter. Sir Francis Drake und seine Nachkommen erlangten so einen nachhaltigen, wesentlichen gesellschaftlichen Aufstieg. Die Ehrung würdigte seine Verdienste für das englische Königshaus, konnte jedoch die Spannungen mit der Königin nicht vollständig überdecken. Drake blieb für die Königin eine ambivalente Figur: Freibeuter und Staatsdiener, Stratege und Gesetzesbrecher zugleich, manchmal auf eigene Rechnung und Risiko, manchmal im Dienste der Königin. Sein Einfluss auf die Entwicklung der englischen Seemacht war jedoch nachhaltig entscheidend – und reicht bis in die Namensgebung der gefährlichsten Meerenge der Welt.
Der Beginn des britischen Seeimperiums
Der Sieg über die Armada markierte den Aufstieg Englands zur führenden Seemacht. In den folgenden Jahrhunderten entstand ein globales Imperium, das Handelsrouten, Kolonien und strategische Meerengen kontrollierte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg zerfiel dieses Empire. An seine Stelle trat das Commonwealth, ein freiwilliger Zusammenschluss nunmehr unabhängiger Staaten, der politische Selbstständigkeit mit historischer Bindung verband.