Bekannte Begriffe, unbekannter Ursprung: Armada, Breitseite

Armada

Im 16. Jahrhundert unternahm England verdeckte marine Aktionen gegen Spanien, bis dessen König Philipp II. wegen des grossen Schadens seine seinerzeit weltgrösste Kriegsflotte mit schweren Galeonen erweitern liess. Damit beabsichtigte er, England zu erobern, Königin Elisabeth I. zu stürzen und das Land zum Katholizismus zu zwingen. Die spanische Armada umfasste etwa 130 Schiffe und Tausende von Seeleuten. Die Engländer gewannen jedoch den Konflikt trotz zahlenmässiger Unterlegenheit – dank einer neuen Gefechtsstrategie und dem deutlich effektiveren Einsatz eines bereits bekannten Prinzips, der Breitseite.

 

Von Roland Grieder

Unter einer Breitseite verstand man damals den nahezu gleichzeitigen Einsatz mehrerer Geschütze, die entlang einer Schiffsseite angeordnet waren und quer zur Fahrtrichtung feuerten. So liess sich viel Feuerkraft auf ein Ziel konzentrieren. Die Breitseite war folglich eine strukturelle Fähigkeit, die sich aus Schiffsbau, Geschützanordnung, Munitionierung und Ausbildung der Besatzung ergab.

Seitlich feuernde Kanonen

Bereits seit dem frühen 16. Jahrhundert führten portugiesische und spanische Schiffe seitlich montierte Kanonen. Doch deren Einsatz blieb meist unterstützend, als Vorspann zum Entern, um den Gegner noch weiter zu schwächen. Kanonen waren Unikate unterschiedlicher Kaliber, die Feuerrate gering und bis auf die Enter-Salve fehlte eine organisierte Feuerdisziplin. Das Gefecht auf See wurde als Nahkampf der Belegschaft von Schiffen ausgetragen. Eine Strategie, die auf die Anfangszeit der Römer zurückgeht, als diese gegen die Punier, auch Karthager genannt, kämpften.

Der englische Seefahrer Francis Drake musste gegen die spanischen Armada, eine Streitkraft mit 130 Schiffen und einer deutlichen Übermacht an Soldaten, antreten. Aber wie? Als einer der ersten erkannte er das strategische Potential der Breitseite. Er perfektionierte sie und setzte sie nicht mehr für eine einmalige Salve ein, sondern als wiederholt einsetzbares Instrument, um ein gegnerisches Schiff schrittweise funktional kampfunfähig zu machen. Dazu liess Drake nicht mehr auf die Besatzung, sondern auf das Ruder, die Takellage und Punkte entlang der Wasserlinie zielen.

Entsprechend beorderte Drake eine Flotte mit möglichst einheitlichen Geschützen gleichen Kalibers, mit optimierter Feuergeschwindigkeit und überlegener Reichweite. In der Mitte der Schiffe liess er Schienen anbringen, dank denen die Kanonenkugeln bis zum Vorratsende am passenden Ort eingesetzt werden konnten. Kanonen-Teams wurden gezielt darin geschult, bestimmte Schiessabläufe koordiniert auszuführen.

Kampf gegen die Armada

Entscheidend war, dass Drake die Breitseite neu einsetzte: Seine Schiffe nutzten ihre grössere Wendigkeit dank geringerer Bauhöhe und Gewicht, um kurz in Geschützreichweite zu gelangen, jedoch konsequent ausserhalb der Enterdistanz der schweren, spanischen Galeonen zu bleiben. Einzelne dieser mächtigen Schiffe wurden isoliert, häufig von zwei englischen Einheiten gleichzeitig angegangen und aus leicht versetzten Winkeln beschossen. Idealerweise gelang es den beiden Schiffen leicht auseinanderlaufend, das spanische Schiff in die Mitte zu nehmen. Dann sind die Kanonen der Reihe nach – gemäss dem gegenseitigen Verschieben – beidseitig auf Heck und Ruderanlage ausgerichtet worden, danach nahmen die Schützen beispielsweise den ersten Masten mit den Focks ins Visier und schliesslich einen Punkt der Wasserlinie. Wenn ein Schiff trieb, Schlagseite bekam oder nicht mehr reagieren konnte, wurde der Beschuss intensiviert – wenn dies überhaupt noch nötig war. Drake hatte die spanische Flotte in eine felsige Bucht gelockt, wo die manövrierunfähigen Schiffe wenig Chance hatten.

Mit der neuen Breitseite wurden zunehmend Geschütze gruppenweise oder entlang der Fahrbahn, zeitlich versetzt, wiederholt auf Nahziele eingesetzt, um Schiffe mit kontinuierlichem Druck auszuschalten. Diese Form des beweglichen, koordinierten Artillerieeinsatzes markierte einen Wendepunkt in der Seekriegsführung. Das Gefecht entschied sich nicht mehr im Nahkampf auf geenterten Schiffen, sondern durch Kontrolle von Distanz, Bewegung und Feuerdisziplin.

In der Auseinandersetzung mit der Armada zeigte sich die Überlegenheit dieses Ansatzes deutlich. Die spanischen Galeonen mit grossem Heer an Bord waren auf den Nahkampf ausgelegt. Sie konnten ihre numerische Stärke jedoch nicht ausspielen, da ihnen die englische Flotte ein Gefechtsstil aufzwang, für den die Armada nicht gebaut war.

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