Viele Seglerinnen und Segler lösen zum Start die Rollreffleine der Fock und ziehen an einer Schot, so dass sich das Segel ausrollt. Wer will, kann die Fock auch noch trimmen: Bei modernen Regattaschiffen wird das hochgezogene Fockfall in einen Flaschenzug eingehängt, mit dem der Zug auf das Vorliek fein eingestellt werden kann. Weiter kann auf jedem Schiff, von einer Jolle bis zu den grössten Yachten, der Holepunkt der Fockschot eingestellt werden. Die breite Akzeptanz dieses letztgenannten Trimmmittels begründet sich aus der Wirksamkeit. Daher sollten SeglerInnen wissen, in welcher Situation der Holepunkt wo optimal positioniert ist.
Von Roland Grieder
Das Vorgehen beim Trimm
Die Grundregel lautet: Frischt der Wind auf, verschiebt man den Holepunkt nach achtern; maximal so weit, dass das Achterliek der Fock noch nicht zu flattern beginnt (man beobachte den obersten Teil des Segel, dort beginnt es). So weit das Grundsätzlichste.
Um die Fock perfekt zu trimmen, geht man folgendermassen vor: Man stellt die Schot so ein, dass die unteren Windfäden am Vorliek auf beiden Seiten des Segels nach achtern auswehen. Dann verschiebt man den Holepunkt so weit, bis das achterliche Windband oben am Segel (falls vorhanden) gerade noch konstant achterlich ausweht, d. h. nur selten im Lee nach vorne klappt. Falls das Windband konstant ausweht, rückt man den Holepunkt nach vorne. Falls es bereits gelegentlich nach vorne umklappt, ist der Holepunkt zu weit vorne.
Wieso reicht die Schot nicht, um die Fock zu trimmen.
Um die Fock zu trimmen, gibt es zwei Parameter: Den Stellwinkel, die Zuständigkeit der Schot, und den ‹Twist›, d. h. das Mass, in welchem sich die Fock von unten nach oben in Windrichtung ausdreht. Den Twist kann man nicht einfach in das Segelprofil einbauen, weil er von der Windstärke abhängt. Da der Wind an der Wasseroberfläche stärker gebremst wird als auf Masthöhe, ist die Windstärke nicht über die gesamte Mastlänge gleich. Dieser Effekt nimmt mit steigender Windstärke zu. Da das Schiff fährt, nimmt man auf dem Schiff den scheinbaren Wind wahr, welcher sich aus dem Vektor der Fahrtgescwindigkeit und dem Vektor des wahren Windes addiert. Aus dem zunehmend stärkeren Wind entlang der Masthöhe folgt, dass der scheinbare Wind nach oben hin immer seitlicher einfällt. Wenn man das Segel auf den Wind abstimmt, muss das Segel entsprechend dieser Windrichtungsänderung verdreht werden. In der Fachliteratur liest man dazu: “Twist is fast” – ein korrekt ausgedrehtes Segel ist schnel
Die Grundstellung
Was die Grundstellung anbelangt, sind sich Segelmacher und Konstrukteure einig: Die gedanklich verlängerte Schot zeigt auf die Hälfte der Vorliekshöhe. Dies gilt heute noch, obwohl gelegentlich über Segelschnitte zu lesen ist, bei denen die Schot unter die Hälfte der Vorliekshöhe zeigen soll, in extremen Fällen nur noch auf einen Drittel. In Fachbeiträgen der Segelmacher findet man nichts derlei. Das generelle Ziel der Segelmacher ist ein Schnitt, bei welchem Wind von ein bis zwei Bf Stärke das Segel optimal wölbt und ‘twistet’, damit das Schiff möglichst nahe an die Rumpfgeschwindigkeit gelangt.
Fehlt die Grundmarke, sind die Winde stark oder das Segel verzogen, achte man auf die Balance, dass sich das Achterliek weder im oberen noch im unteren Teil des Segels zuerst öffnet. Falls am Vorliek Spione (Windfäden) in mehreren Höhen angebracht sind, dienen diese als feinere Indikatoren: Heben sich bei langsamem Anluven alle Luvfäden gleichzeitig, stimmt die Grundposition. Heben sich die oberen Fäden zuerst, ist der Holepunkt zu weit achtern (zu viel Twist) und muss weiter nach vorne. Reagieren die unteren Fäden zuerst, muss man den Holepunkt nach achtern verschieben. Balance der Kräfte bedeutet für Skipperinnen und Skipper nebst Geschwindigkeit auch ein neutrales Rudergefühl, weil das Schiff weder Luv- noch Leegierigkeit zeigt.
Bootsteams können also die abgeschlagene Fock falten, das Vorliek in der Mitte markieren und dann die Schot-Richtung mit einem Laserpointer verlängern, um die Grundstellung zu finden und zu markieren. Zur Sicherheit lässt sich die Einstellung, wie erläutert, bei wenig Wind und zumindest temporär angebrachten Windfäden fein justieren.
Trimm bei Sturm – «Soft-Reffen»
Sehr wirksam wird der Holepunkt bei Sturm, wenn zu viel Druck auf dem Vorsegel lastet: Dann übertreibt man den Twist bzw. die achterliche Position des Holepunkts, um das das Achterliek zu entlasten (Achtung: Das Achterliek darf nicht zu flattern beginnen): Dem Segel erlaubt man so, sich in Windrichtung wegdrehen zu lassen, wodurch die wirksame Segelfläche reduziert wird. Da sich das Segel zunehmend nach oben ausdreht, bewegt sich zusätzlich der Segeldruckpunkt nach unten, was die Hebelwirkung der verbleibenden Windeinwirkung mindert. Das Bootsteam nimmt wahr, dass das Schiff aufrechter und ruhiger läuft. Das Ruderblatt muss weniger angestellt werden.
Lässt sich die Fock reffen, indem sie teilweise eingerollt wird, verschiebt man den Holepunkt zunächst um so viel nach vorne, wie die Fock eingerollt ist. Danach noch etwas mehr, bis der Twist wieder zum aufgefrischten Wind passt.
Abhängigkeit vom angelegten Kurs
Am-Wind entfaltet der Holepunkt bei Sturm die grösste Wirkung; Vortrieb entsteht primär am Flügelprofil des gut eingestellten Vorlieks. Und dasSchiff krängt am Wind deutlich mehr, so dass ‹De-Powering› auf diesem Kurs beginnt. Bei halben Winden reduziert sich die Wirkung, da nun vorwiegend das Tuch im mittleren und unteren Bereich zieht. Bei achterlichen Winden spielt der Holepunkt nur eine untergeordnete Rolle
Wirksam bei Wellengang
Auch bei höherem Wellengang werden die Segel stärker ausgedreht, damit die wechselnde Maststellung nicht wegen zu enger Segelführung zu Strömungsabrissen führt. Ein nur partieller Strömungsabriss bringt immer noch Vortrieb und ist bald korrigiert, indem sich noch erhaltene Umströmungen des Segels rasch wieder ausbreiten. Falls oben am Achterliek der Fock ein Windspion angebracht ist, sieht man, ob dieser achterlich ausweht oder gelegentlich nach vorne schwappt, was einen beeinträchtigenden Strömungsabriss signalisiert.
Schwachwindtrimm – Geheimtipp
Bei sehr schwachem Wind mit typischerweise unstetiger Richtung, erweist sich Twist als bestes Gegenmittel zu den Richtungsschwankungen: Die zarte, empfindliche Zirkulärströmung um die Fock darf nicht abreissen, so dass etwas zu viel Twist zwar die wirksame Segelfläche reduziert, dafür aber der Streubreite der Windrichtung immer eine passend gestellte Segelzone anbietet. Geht die Umwirbelung oben oder unten am Segel verloren, dehnt sich der erhaltene Wirbel rasch wieder aus. Reisst die Umströmung bei schwachem Wind einmal ganz ab, steht das Boot still bis zum nächsten Windimpuls, was dauern kann. Twist wird zur Risikomassnahme.
Holepunkt weit nach vorne – ein Leichtwind-Sonderfall
Ein stark nach vorne verlegter Holepunkt ist ein Spezialtrimm für schwachen Wind und einen engen Kursbereich knapp unter Am-Wind. Ziel ist maximaler Vortrieb.
Durch das Vorschieben des Holepunkts dominiert der vertikale Schotanteil; die Unterliekspannung nimmt ab. Das Segel wird im unteren und mittleren Bereich tiefer, der Tiefpunkt wandert moderat nach achtern.
Segeltiefe erhöht die Segelwirkung, den ‹Auftrieb›, aber nur bei geringem Widerstand. Ob daraus ein Geschwindigkeitsgewinn entsteht, ist bootspezifisch zu prüfen, idealerweise durch Geschwindigkeitsvergleiche.
Mit zunehmender Profiltiefe verändert sich der Anstellwinkel des Vorlieks; die maximal segelbare Höhe nimmt ab. Dieser Trimm ist daher nur sinnvoll, wenn der Höhenverlust akzeptiert werden kann.
Wird bei weit vorne liegendem Holepunkt die Schot zu stark durchgesetzt, kann sich das Achterliekprofil zu stark schließen und einen Strömungsabriss begünstigen. Die Windfäden am Achterliek der Fock sind zu beobachten; ausreichender Twist muss erhalten bleiben.