Einhandsegeln – oder souverän segeln lernen

Einhandsegler am Wind.

Einhandsegeln ist eine gute Sache. Es schafft Handlungsreserven: Wenn einmal Gäste dabei sind, die sich überfordert fühlen, kann man sie auch lassen, ist nicht auf sie angewiesen. Einhandsegeln schafft Optionen: Wenn guter Wind weht, aber niemand sonst Zeit hat, kann man trotzdem auslaufen. Oder es schafft einen Moment der Ruhe: Wenn der Kopf nach einem intensiven Tag voll ist, kann etwas segeln mit ganzem Fokus auf den leisen Wind und das Blubbern des Wassers am Bug enorm entspannend wirken. 

Von Roland Grieder

Auf was kommt es beim Einhandsegeln an? Die folgenden Grundregeln gelten allgemein, aber besonders verbindlich bei Einhand, Welle und Wind:

1. Laufend aufräumen; ‚klarieren‘ in der Fachsprache. Immer, nach jedem Manöver. Seile keinesfalls durcheinander liegen lassen, da sie sich verheddern können: Wenn eine Schot freigegeben werden muss oder der Gennaker geborgen, aber Seile nun unter Zug blockiert werden, kann auch eine Minute vergehen, bis wieder klariert ist. Hat man gerade bzw. immer so viel Reserve? Beim Einhandsegeln hat man ja – wie das Wort halb richtig sagt – nur zwei Hände, d. h. Komplikationen sind mit oberster Priorität zu vermeiden. An den Sitzbänken montierte Seiltaschen sind besonders nützlich. Auch unter Deck ist Ordnung eine Notwendigkeit.

2. Immer genügend Abstand halten. Schäden am Schiff geschehen am Ufer bzw. in Ufernähe (Bojenfelder) oder auch bei Unaufmerksamkeit mit anderen Schiffen. Gelingt ein Manöver nicht, ist das meist erst ein Problem, wenn das Ufer nahekommt.

3. Vorbereitung bzw. laufende Checks: Was meint der Wetterbericht? Was, wenn ich eine Schwimmweste brauche? Evtl. lohnt es sich, diese schon griffbereit zu haben. Oder kann ich das Schiff stabil beidrehen, so dass ich Zeit habe? Bei heissem Wetter ist ein Sonnenschutz und genug zu Trinken notwendig. Dann die Pläne B: Was ist zu tun, wenn der Wind doch auffrischt? Wenn der Motor gegen den Wind nicht mehr ankommt? Wenn die Boje schwierig zu fassen ist? Oft gibt es einen einfach anzulaufenden Hafen. Reicht Trimm oder muss gerefft werden; besser gleich im Hafen?. Kurz: Macht die beabsichtigte Fahrt zur geplanten Fahrt, von Beginn weg und mit laufendem Risiko-Management.

4. Der optimale Ablauf: Für jedes Manöver beobachte man, wie sich das Schiff genau verhält, um dann den Ablauf zu optimieren.

Ein Beispiel: Wendet man eine J70, fällt zuerst die Fock ein. Wie viel Zeit bleibt, bis sie zu shiften ist? Wenn die Fock schon kurz back steht, zeigt sich, dass der Bug insbesondere bei Wellen sogar aktiv durch den Wind gerückt wird. – Es bleibt einem also eine ganze Weile. In der Zwischenzeit, nachdem auch das Gross eingefallen ist, kann man ja den Traveller shiften (wenn er genutzt wird, um hoch am Wind das Gross optimal zu stellen) oder zuerst einmal selber die Seite wechseln.

Ganz wichtig sind runde Bewegungen sowie sichere, aufmerksam durchgeführte Handlungen. Trainiert man bewusst Abläufe ein, bleibt dem Kopf genug Freiraum, um die Übersicht zu behalten, um situationsadäquat zu handeln. Dafür wiederum lassen sich Abläufe ausbauen mit Optionen; Zum Beispiel: Falls sich das Schiff in der zweiten Hälfte der Wende neigt – wo gibt es gute Griffmöglichkeiten für sicheren Halt? Umgekehrt: Sobald sich hektische Bewegungen einschleichen, steigt das Risiko von Verletzungen, dass Füsse wegrutschen, usw. – also zu vermeiden, a priori ein Fehler: Geht es um Sicherheit, sind bereits kleine Anzeichen von Fehlern gute Indikatoren für Verbesserungen.

5. Wenn die Abläufe mit Optionen sitzen, folgt die nächste Stufe, die auch zu etwas mehr Beauforts befähigt: Die beobachtende, aufmerksame Geisteshaltung macht den Unterschied. Versucht jemand etwa eine auswendig gelernte Abfolge einfach durchzuziehen, selbst wenn die Voraussetzungen dafür mittlerweile fehlen, passt die Handlung nicht mehr zur aktuellen Lage. Wiederum macht es Sinn, sich weitere Handlungsabfolgen zu merken. Bei anspruchsvollerem Wetter gehören Fehlersituationen zum Repertoire: Sobald der Wind stärker wird, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass einmal etwas relevant schief geht. Gut ist also, wenn einem so etwas nicht ausgerechnet das erste Mal passiert, wenn es darauf ankommt. Folglich ist das beste Rezept: Bei einfachem Wetter lernen! Beobachtet man einen kleinen Fehler, lasse man es gedanklich oder real bewusst ganz schief gehen (vorausgesetzt, alles lässt sich bis zum Mietende wieder in Ordnung bringen).

Beispiel: Verpasst man bei der Wende die Fock zu shiften, steht sie nach der Wende back. Wie verhält sich das Schiff nun, wie weiter? Spannend, das einmal auszuprobieren: Behält man die Segelstellung, drückt der Wind – je stärker desto mehr – die meisten Schiffe nach der Wende ab vom hohen Kurs, so dass die nun zu dichten Segel das Schiff zum Krängen bringen; kaum Fahrt, kaum Manövrierfähigkeit – unerwünscht. Intuitiv steuert man dagegen, was meist nicht ausreicht. Würde man noch die Grossschot lösen, hat man beigedreht; immerhin ein bekannter Zustand. Aber geht das noch, wenn man schon fast auf 90° Kurs ist? U. s. w.

Kennt man das Verhalten des Schiffs, bringt man es sicher wieder in Fahrt und damit unter Kontrolle.

Die Grundmanöver der Segelschule sind die Basis, das Rüstzeug. Sicher segeln heisst, ein Schiff zu kennen, mit ihm ‚zusammenzuwachsen‘ und das wiederum bedeutet beobachten, lernen, probieren, verbessern und weiter beobachten. Schlussendlich geht es um eine neugierige und gleichzeitig Risiko-bewusste Geisteshaltung.

Um nicht gleicht alleine unterwegs zu sein, lassen sich Gleichgesinnte am einfachsten finden, wenn man an den Events der Sailcom teilnimmt.

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