Die Grossschot ist in den meisten Schiffen nicht am Boden des Cockpits befestigt, sondern an einem Schlitten auf einer Schiene, dem Reibbalken oder ‚Traveler‘. Der Baumniederholer ist zwischen dem Baum und dem Mastfuss befestigt, damit er den Grossbaum – unabhängig vom Seitenwinkel – nach unten ziehen kann. Das Ziel ist klar: Der Grossbaum soll mit diesen drei Seilen optimal eingestellt werden. Der SeglerIn stellt sich die Frage, wann welches Seil zu betätigen ist und was ‘optimal’ genau heisst.
Von Roland Grieder.
Um den Wirkungen dieses Trios auf den Grund zu gehen, muss man als erstes wissen, dass die drei Seile ihre Rollen ändern: Am Wind sind diese anders verteilt als bei weniger hohen Kursen.
Am Wind ist der Traveler primär für den Seitenwinkel des Grossbaums zuständig, während die Grossschot den Baum nach unten zieht, um das Achterliek zu schliessen und damit den Twist, die Verdrehung des Grosssegels, festzulegen. Der Baumniederholer spielt am Wind eine untergeordnete Rolle, denn seine Hebelwirkung mit ungünstigem Zugwinkel ist gemessen an den Kräften hoher Kurse zu gering; zieht man am Wind mit roher Kraft am Niederholer, riskiert man Materialschaden.
Fällt man ab, verlässt der Baum bald einmal den Wirkbereich des Travelers. Man muss nun die Grossschot fieren, um den Baum seitlicher zu stellen. Damit ist der Traveler am Anschlag und die Grossschot primär für den Seitenwinkel zuständig. Genau gesagt, steht die Grossschot am Ende des Travelers eher steil, so dass die Kraftkomponente nach unten noch wesentlich ist. Je weiter der Baum aber gefiert wird, desto flacher verläuft sie und entsprechend weniger zieht sie nach unten. Hier springt der Baumniederholer ein, denn seine Wirkung ist unabhängig vom Seitenwinkel des Baums.
Für Regattierer: Wenn der Traveler schon am Anschlag ist, der Baumniederholer ganz gelöst, aber am Gross immer noch zu wenig Twist festzustellen ist, kann der Traveler nach Luv gefahren werden. Der flachere Winkel der Grosschot erlaubt es dem Baum zu steigen – weniger Spannung am Achterliek, mehr Twist.
Der Grossbaum ist optimal eingestellt, wenn die Windfäden am Achterliek des Gross’ auswehen bis auf kurze Momente. Bei Schiffen mit langen Bäumen wie die J80 sollen die Windfäden >95% der Zeit vom Wind nach achtern geblasen werden. Mit den restlichen wenigen Prozenten zeigen sie laufend an, dass das Segel wirklich an der Strömungsabrissgrenze eingestellt ist, mit maximalem Segeldruck. Bei kurzen Bäumen (z. Bsp. J70) kann etwas aggressiver gesegelt werden. Dabei beginnen die Windfäden sich periodisch auf der Lee-Seite nach vorne zu klappen; das gemessene Optimum liegt bei 10% bis max. 20% Vorklappen. Für Regattierer: Man beachte, dass die Verwirbelung bei Strömungsabriss bremst, so dass Tipps für 25% bis 30% mit sehr viel Vorsicht anzugehen sind, d. h. nur für sehr spezifische Segelschnitte und mit Geschwindigkeitsmessung.
Der Traveler nach der Segelschule
Aus der Segelschule kennt man den Traveler in zentraler Stellung, ungenutzt. Gerade hoch am Wind wäre der Traveler aber nützlich. Das Vorsegel nimmt man dicht. Das Gross wird grundsätzlich mit gleichem Seitenwinkel eingestellt. Wenn man zu diesem Zweck nur die Grossschot festzieht, bewegt sich der Baum – entgegen der eigentlichen Absicht – fast nur nach unten. Das gestreckte Achterliek verhindert Twist, so dass (beginnend am Top des Gross) der resultierende Strömungsabriss eine lange bremsende Wirbelstrasse nach sich zieht. Mit dem Traveler könnte man das Segel seitlich dichter nehmen. Die Traveler-Schiene ist bei den meisten Schiffen so lang, dass der Maximalanschlag nach Luv gerade passt.
Bei achterlichen Kursen lässt man die Traveler-Leinen frei. Die Halse läuft so effizienter ab, aber man denke daran den Schwung des Baums mit der Grossschot in der Hand abzufangen; RegattiererInnen ergreifen dazu idealerweise den gesamten Flaschenzug und ziehen mit ihrem Gewicht entgegen, während Fahrtensegler das schotseil halten, so dass der Flaschenzug zur Dämpfung beiträgt.
Den Twist einstellen.
Falls das Gross mehrere Windfäden hat, auf unterschiedlichen Höhen, kann es sein, dass sich nicht alle Fäden gleich verhalten. Das hat damit zu tun, dass der Wind auf Wasserhöhe mehr gebremst wird als auf Masthöhe, so dass der scheinbare Wind, hin zum Mast-Top, immer seitlicher wird. Ein optimal getrimmtes Gross verdreht sich also nach oben hin mit der jeweiligen Richtung des scheinbaren Winds. Diese Verdrehung, den Twist, stellt man mit vertikalem Zug auf den Grossbaum ein: Mehr Zug, das Achterliek schliesst, weniger Twist, die oberen Fäden beginnen vermehrt nach vorne zu klappen.
In manchen Schiffen ist nur der oberste Windfaden angebracht. Das Vorgehen ist in diesem Fall so: Zuerst stellt man das Vorliek unten am Gross genau in Windrichtung (wobei angenommen wird, dass der Segelbauch bereits optimal eingestellt ist). Dann zieht bzw. lockert man mit der Grossschot bzw. bei räumlicheren Kursen mit dem Baumniederholer so den Baum, dass der oberste Windfaden im gewünschten Masse periodisch nach vorne klappt. Fehlt auch dieser Windfaden, bleibt Geschwindigkeitsmessung oder Segeln nach Beobachtung und Erfahrung; im Zweifelsfall die Segel etwas zu locker fahren mit zu viel Twist.
Böen
Windböen am Wind fängt man zunächst mit Anluven ab, weil der scheinbare Wind seitlicher ankommt (Böen kann man auf der Wasseroberfläche kommen sehen, so dass man sie frühzeitig ‘ausluvt’). Wenn das Schiff auf volle Fahrt getrimmt ist, aber die Böe hart eintrifft, reagiert man mit dem Traveler. So bleibt das Segelprofil inkl. Twist erhalten, nur der Winkel des Segels nimmt etwas Druck weg. Für RegattiererInnen: Ist der Traveler bereits bei oder über der Schiffsmitte, gilt es die gerade Bahn des Travelers versus den Bogen des Grossbaums mit zu berücksichtigen: Der Baum wird nach unten gezogen, das Gross abgeflacht (gut) und der Twist reduziert, was beim gleichzeitigem Fieren passt, denn so flattert nichts.
In allen anderen Fällen ist die Grossschot das Mittel der Wahl, um die Krängung konstant zu halten.