Das Achterstag

Auf die Frage, welches Trimminstrument man behalten würde, wenn nur eines erlaubt ist, sagen viele Regattierer auf Langstrecken: Das Achterstag! Präzise geantwortet, hängt das von den vorherrschenden Windrichtungen ab, aber die Antwort unterstreicht die Beliebtheit bzw. Wirksamkeit. Der Grund liegt darin, dass das Achterstag – falls das Vorstag deutlich unterhalb des Mast-Tops montiert ist – gleich mehrere günstige Wirkungen entfaltet: Mehr Twist (Verdrehung eines Segels nach oben hin) und flacherer Bauch am Gross sowie mehr Spannung am Vorstag für die Fock.

Von Roland Grieder

Als Kind haben wir die Erfahrung gemacht, dass Metall steif ist. Der Wind auf einer Segelfläche ist deutlich stärker, so dass er den Mast wie auch das Segeltuch als elastische Systemkomponenten wahrnimmt. Dank der grossen Untersetzungen kann auch ein Mensch ohne Weiteres den Masten biegen.

Bei wenig Wind ist das Achterstag entspannt. Nimmt der Wind zu, ist zunächst das Ziel, das Segel dem Windverlauf entlang des Masten anzupassen; je weiter oben am Masten man misst, desto seitlicher weht der Wind (siehe andere Artikel zu ‚Twist‘). Nimmt der Wind weiter zu, zielt man darauf ab Krängung zu reduzieren. Auf der Massnahmenseite muss das Segel aus der Perspektive des Windes flacher getrimmt werden. Und eine zusätzliche, doppelte Wirkung erzeugt man, wenn die wirksame Segelfläche oben am Masten reduziert wird, d. h. weniger Fläche dort, wo die Hebelwirkung am grössten ist. Um Segelfläche des Gross wegzutrimmen, reduziert man die Spannung am Achterliek, so dass das Segel nach oben hin dem Wind ausweichen kann bzw. sich in Windrichtung wegdrehen.

Genau diese Effekte löst das Achterstag aus: Durch die Mastbiegung in mittlerer Höhe wird das Gross flach gezogen. Der achterlich geneigte Mast entspannt das Achterliek, was dem Segel erlaubt sich zu ‚twisten‘. Als Bonus wird das Vorstag gestreckt, was ebenfalls nötig ist für eine gute Performance.

Beim Trimmen stellt sich jeweils die Frage nach dem Mass. Wichtig beim Gross ist (primär und hinsichtlich Achterstag insbesondere), dass das Vorliek in Windrichtung steht und der oberste Windfaden am Achterliek gerade noch nach hinten ausweht, d. h. nur selten im Lee nach vorne klappt (bei kurzen Bäumen wie J70: 80%-90% der Zeit nach hinten; lange Bäume wie J80: > 95%). Zuerst zieht man also am Achterstag, bis sich die gewünschte Segelform abzeichnet. Mit dem Cunningham streckt man den Segelbauch nach vorne und flacht das Segel weiter ab. So die Grundeinstellung. Zum laufenden Feinjustieren: Den Twist kann man mit dem Baumniederholer feinabstimmen bzw. am Wind, wenn man den Traveler nutzt, mit der Grossschot (der Traveler definiert in diesem Modus primär den seitlichen Winkel des Baumes, die Grossschot primär den horizontalen; zieht man den Baum nach unten, schliesst sich das Achterliek, was den Twist reduziert – und umgekehrt). Den unteren Drittel des Segels zieht man mit dem Unterliekstrecker flacher. Das Achterstag – daher die eingangs erwähnte Beliebtheit – deckt also die primäre Einstellung gemäss Windstärke ab. Da heutzutage Segel mit dem Masten als ein Gesamtsystem betrachtet und gerechnet werden (insb. Northsails investiert da viel), ist dieses Gesamtsystem so dimensioniert, dass der eingezogene Grossbauch gerade gut zur Biegung am Masttop passt.

Bei stürmischen Winden beginnt man den Baum nicht mehr nach der Windrichtung zu stellen, sondern nach der Krängung: Die Gross-TrimmerIn ist also laufend aktiv, um je nach Böen-Situation die seitliche Lage des Schiffs konstant zu halten, gemäss des definierten Soll-Seitentrimms. Dabei kann das Gross annähernd seitlich zum Schiffsrumpf stehen, kein Problem, das kann sinnvoll sein; in dieser Extremstellung dient das Gross primär als Balance, damit die nunmehr dominante Fock das Schiff nicht lee-gierig macht. Wenn das Gross an die Grenze des Flattern kommt, muss der Twist raus, denn Twist erlaubt ja dem oberen Segelbereich sich vermehrt in den Wind zu stellen. Ein flaches Segel bleibt hingegen wichtig, damit ein möglichst kleiner Beitrag zur Krängung resultiert. Damit resultiert für den Einsatz des Achterstags ein Zielkonflikt bzw. ein Optimierungsproblem. Es wird mit wenig Achterstag gelöst, weil flattern das Segel beschädigt.

Also daran denken: Bei zunehmendem Wind mit dem Achterstag spannen, bis der Effekt bei Sturm nicht mehr ausreicht, so dass mit dem Grossbaum ‚depowered‘ wird. Und zurück im Hafen unbedingt Achterstag entspannen.

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