Viele erinnern sich im Herbst als Kinder Drachen steigen gelassen zu haben, denn der Wind ist häufiger und intensiver.
Im Erwachsenenalter auf dem Schiff sind die Flächen im Wind deutlich grösser – und damit auch die Kräfte; wir müssen das Handwerk kennen, wie diese Kräfte zu beherrschen sind (um nicht beherrscht zu werden…).
Von Roland Grieder
Das Wichtigste bei Starkwind ist einen Kurs zu kennen, mit seinem Trimm, den man sicher fahren kann. Damit lässt sich Stress abbauen und das weitere Vorgehen entspannt angehen. Insbesondere Kindern oder Gästen hilft es sich zu versichern, dass die Situation ohne Weiteres unter Kontrolle gebracht werden kann.
Am einfachsten zu segeln ist halber Wind. Während die Fock immer gemäss Kurs eingestellt wird, kann man das Gross auch übermässig fieren (d. h. die Schoten lockern), so dass sich die wirksame Segelfläche verringert; bei viel Wind lässt sich der Baum bis zu 80 Grad aus dem Wind drehen, bis das Achterliek noch nicht flattert. Auf diese Weise lässt sich sozusagen ‘soft-Reffen’. Auf halbem Wind hat also die maximale Flexibilität, um die wirksame Segelfälche den Verhältnissen anzupassen. Jollen-Segler und Regattierer führen die Grossschot übrigens in der Hand, um die Krängung des Schiffs jederzeit optimal zu halten. Bei böigem Wind ist das allen zu empfehlen. Die Grossschott kann gut einem Gast delegiert werden, so dass sie bzw. er die Situation kontrolliert, was Sicherheit gibt. Prima an diesem Kurs ist auch, dass man sich Zeit nehmen kann: Man verliert oder gewinnt nicht Höhe, man bleibt relativ zur Windrichtung am Ort. Mit ein paar Wenden kann man die Verweildauer auf diesem Kurs folglich fast beliebig ausdehnen.
Am meisten krängt das Schiff am Wind, weil zum scheinbaren Wind Komponenten der Schiffsgeschwindigkeit hinzu kommen. Ausserdem flattern die Segel bald, wenn man Schoten fiert. Am wenigsten vom Wind spürt man auf räumlichen Kursen wegen der Schifffahrt mit dem Wind; auf letzteren sei man auf der Hut vor Patenthalsen, insb. bei drehenden Winden, starken Böen (der scheinbare Wind dreht) und Wellen; eine angemessene Reserve zur Windrichung ist wesentlich.
Nachdem die Situation auf einem gut fahrbaren Kurs entschärft ist, kann man weitere Massnahmen einleiten (wenn man diese nicht schon proaktiv im Hafen erledigt hat). Die Menu-Karte:
- Reffen kann man immer. Wenn das Grosssegel so weit ausgefahren ist, dass es zu flattern beginnt, steht das nächste Reff an.
- Wenn wir das Achterliek entlasten, kann der Wind das Segel in seine Richtung ausdrehen. Damit “sieht” der Wind eine kleinere, noch wirksame Segelfläche. Und dank dem, dass sich die Segel nach oben hin mehr ausdrehen (weil die wirksamen Seile unten am Segel ansetzen), nimmt genau die Segelfläche ab, welche die grösste Hebelwirkung zur Kränung hat. Prima: Zwei wesentiche, signifikante Wirkungen resultieren. Wegen dieser Trimmmöglichkeit wird die J70 standardsmässig ohne Reff ausgeliefert – dieses Wissen wird vorausgesetzt.
- Am Wind Böen ausluven: Sobald eine Böe kommt, segelt man höher. Der scheinbare Wind dreht nämlich günstig, so dass man höher segeln muss, weil sonst der Wind in zu straff gehaltenen Segeln noch mehr drückt. Man kann auch übertrieben hoch fahren, ganz leicht in den Wind schiessen, um temporär dem Wind auszuweichen. Mit dem Ausklang der Böe fällt man (scheinbar) wieder ab, sonst beginnt die Fock zu flattern.
Während man für die Segelprüfung das Reffen lernt, ist der Starkwind-Trimm, das ‘Twisten’ nicht geläufig, daher hier ein genaue Anleitung:
- Fock: Wenn wir den Holepunkt der Fockschot (Rolle) auf seiner Schiene nach achtern verschieben, zieht die Schot mit einem flacheren Winkel: Mehr Zug am Unterliek, weniger am Schothorn bzw. am Achterliek nach unten. Doppelt gut: Mit dem Unterliek wird der untere Teil des Segels flach gezogen, weniger Windwiderstand, und das entlastete Achterliek kann dem Wind nachgeben, so dass sich das Segel ausdreht; maximal so weit, bis das Achterliek im oberen Bereich des Segel zu flattern beginnt, was unmittelbar zu Schäden führt.
- Der Twist-Trimm für das Grosssegel:
- Grundsätzlich ist der Baum-Niederholer zuständig: Wenn gelöst, steigt der Baum, was das Achterliek entlastet.
- Für Geübte: Wenn das nicht reicht, kann man den Traveller etwas nach luv bewegen, in Windrichtung, so dass die Grossschott (wie bei der Fock) einen flacheren Winkel hat, was das Achterliek zusätzlich entspannt.
- Falls das Vorstag nicht bis zum Masttop reicht, zieht man am Achterstag, was dreifach zielführend ist: Der Mast wird wie eine Banane nach achtern gekrümmt. In der Segelmitte zieht die Banane das Gross flach; gut. Im oberen Bereich ragt der Mast weiter nach achtern, zum Achterliek hin, so dass letzteres wie gewünscht weniger gespannt ist; Twist resultiert. Der dritte Vorteil ist ein strafferes Vorstag, welches die Fock flacher trimmt (dieser Punkt trifft auch zu, wenn das Vorstag am Masttop fixiert ist).
- Mit einem straffer geführten Unterliekstrecker (das Seil, das meist aus dem Grossbaum durch eine Kammklemme durch eine Rolle nach unten hängt), kann der untere Drittel des Gross flacher getrimmt werden; nicht übertreiben, denn ein ganz flaches Segel hat nur noch krängende, aber keine vortreibende Wirkung mehr.
- Grundsätzlich ist der Baum-Niederholer zuständig: Wenn gelöst, steigt der Baum, was das Achterliek entlastet.
Die genannt Reihenfolge bewährt sich auch, wenn Geübte die Segel optimal trimmen wollen. Damit man sich den Ablauf einfach merken kann, hier ein Vorschlag für eine Eselsbrücke:”NIEDER-TRA-ACHT ist UNTER_LIEbe.”
Was man sonst noch wissen sollte:
- Fock und Gross werden in gleichem Masse getwistet. Falls die Fock zu dicht ist und zu wenig Twist hat, entsteht im weit ausgefierten Gross ein Gegenbauch zum Wind, aus der Abluft der Fock. Der Gegenbauch stört nicht; er reduziert sogar die wirksame Segelfläche etwas mehr. Aber er ist unschön und vermeidbar.
- Wenn man die Fock einrollen möchte, geht man gemäss Schulbuch auf achterlichen Kurs. Man rollt ein, während man gleichzeitig mit einer Schott gegenhält, damit die Fock dicht genug gerollt wird, trotz des Zugs des Windes. Denkt unbedingt daran den Schlitten, mit dem Holepunkt für die Fockschott vor dem Einrollen ein gutes Stück nach vorne zu verschieben. Damit wird das Achterliek straff eingerollt, so dass der Wind nicht oberhalb von bereits eingerolltem Tuch Windsäcke bilden kann; diese flattern, stören beim Manövrieren und beschädigen das Segel.
- Üben, üben, üben: Zuerst bei wenig Wind entspannt ausprobieren. Kontrollieren, ob alles passt. Natürlich reicht der Baumniederholer bei 2 Bf nur für etwas Twist; wenn man aber hinter den Baum steht, um die Kurve des Achterlieks zu betrachten, sieht man diese schon deutlich. Hebt man den Baum von Hand an, kann man das Verhalten bei viel Wind simulieren. Wenn man den Starkwind-Trimm eingübt hat, kann man sich bald an 3 bis 5 Bf und mehr wagen, Schritt für Schritt.
- Nach dem Segeln das Achterstag entspannen!
Beherrscht man stärkere Winde, macht das Freude; es ist wie beim Drachen steigen lassen: Mit richtig Wind läuft es besser!