Das Anlegemanöver an der Boje - nach der Segelprüfung
Bei der Segelprüfung geht es darum zu kontrollieren – anhand undiskutierbarer Kriterien – ob eine KandidatIn das Schiff an der Boje kontrolliert stoppen kann; daher eignet sich die Anforderung, das Schiff genau vor der Boje halten zu lassen. Sobald die Prüfung bestanden ist, verlagert sich das Ziel darauf, dass eine Person auf dem Vorschiff die Boje möglichst komfortabel greifen kann, auch wenn sie wenig Erfahrung hat. Entsprechend wählt man ein etwas anderes Vorgehen.
Von Roland Grieder.
Jede SegelschülerIn kennt die Herausforderung: Auf die Boje zufahren und genau vor ihr stoppen. Das ist gar nicht so einfach, denn jedes Schiff hat seine spezifische Auslauflänge, welche zusätzlich von verschiedenen Parametern abhängt: Eingangsgeschwindigkeit, aktuellem Unterwasserschiffsbewuchs, Wind, Welle und abhängig davon, ob das Schiff stampft. Eine J80 mit ihren rund 1,5 Tonnen läuft bei glattem Wasser und sauberem Unterwasserschiff bis zu 30 Meter aus. Bei 30 cm Wellenhub und entsprechendem Wind bleiben noch ein bis zwei Meter.
Der optimale Anfahrtswinkel ist 55-60 Grad (in der Annahme, dass das Schiff wie üblich etwa 45° an den Wind kommt). Man rollt die Fock ein und legt den Seitenwinkel des Grossbaums direkt mit der Hand fest; das Wirkungsspektrum reicht stufenlos von neutral bis zu maximalem Vortrieb oder, in die andere Richtung, bis zu abrupter Bremswirkung. So kontrolliert man den Auslauf sehr genau; es lohnt sich zu üben. Entscheidend ist, erst gegen Schluss zu bremsen, damit das Schiff gut unter Kontrolle bleibt: Ab einer Minimalgeschwindigkeit verlieren insb. schmale Kiele von Regattaschiffen ihre Richtungsführung und die induzierten Wirbel um das Gross lösen sich auf, so dass das Gross keinen Vortrieb mehr erzeugen kann. Der Trick mit den 55-60 Grad Anfahrtswinkel ist an der Segelprüfung erlaubt und damit zu empfehlen.
Vorne am Bug stört aber das Vorstag und der Bugkorb, wenn die Boje zu fassen ist. Besser geht es leicht seitlich am Bug; da ist auch die Board-Wand weniger hoch. Und die Steuerperson hat einen oder zwei Meter Präzisionsreserve.
Wenn man die Boje seitlich leicht überlappend anfährt, muss man sich für eine Seite entscheiden. Nur die Luv-Seite macht Sinn: In einer realen Situation ist das Lee mit dem Dingi besetzt. Ausserdem ist die Luv-Seite sicherer: Aufgrund der verschwindenden Kielwirkung und dem Winddrift reicht Geduld, bis man anlegen kann; im Lee würde sich die Distanz zur Boje ab der Minimalgeschwindigkeit nur noch vergrössern. Ausserdem weicht das Schiff nach Lee aus, wenn man die Restfahrt mit dem Grossbaum im Luv beendet.
Auf einigen Seen kann der Wind in Ufernähe rasch drehen. Schralt der Wind (fällt enger von vorne ein), fällt man ab für mehr Platz, gefolgt von einer Wende; falls man bereits zu nahe war oder die Wende zu viel Restfahrt gekostet hat, ist es am besten das Manöver neu anzusetzen. Raum der Wind, kann man mit einem abfallenden Schwenker abbremsen und etwas Strecke machen, um im passenden Moment auf die nun anders liegenden 55-60 Grad anzuluven.
Falls man viel zu schnell ansegelt, kurz vor der Boje noch eine Böe einfängt oder wenig Manövrierraum hat: Hart bremsen kann man mit einer ‚S‘-Kurve, bevor man die eigentliche Anfahrt beginnt. Wenn ein scharfes ‚S‘ nötig ist, muss die Skipperin oder der Skipper unbedingt sicherstellen, dass sich alle an Board festhalten und sich mit allen Körperteilen unterhalb des Grossbaums befinden, der kräftig ausschlagen kann. Der übliche Rat, vorher kontrolliert zu üben, trifft für das Steuer-Bremsen besonders zu.